„Mysterious Skin“: Queeres Meisterwerk kommt auf Blu Ray raus

„Mysterious Skin“ ist ein Meilenstein des New Queer Cinema. Der kompromisslose Film des Regisseurs Gregg Araki ist in Deutschland nun zum ersten Mal auf Blu Ray erschienen und als Download erhältlich.

Wichtiger Film des New Queer Cinema

Das New Queer Cinema ist eine Bewegung aus den Neunzigerjahren. Nachdem queere Filme bis dahin vorwiegend von heterosexuellen Filmemachern gedreht worden waren, drängten nun schwule und lesbische Regisseure und Regisseurinnen an die Filmfront. Independent-Filme wie „My private Idaho“ von Gus van Sant, Jennie Livingstons „Paris is Burning“ oder Derek Jarmans „Edward II“ gingen mit frischen Ideen und queeren Ansätzen ins Rennen. Und sie prägten eine ganze Generation von schwulen Männern und lesbischen Frauen.

Gregg Araki: Teenage-Angst, Aliens und Indie-Rock

Auf der Bildfläche erschien damals auch ein gewissen Gregg Araki. 1992 gelang ihm mit seinem dritten Film  „The living End“, eine Art schwule „Thelma & Louise“-Variante, der Durchbruch. Die Markenzeichen von Araki, der sich selbst als bisexuell bezeichnet: Explizite Sex-Szenen, ein hoher Grad an Emotionalität, Teenage-Angst, Weltuntergangsszenarien und der konsequente Einsatz von Indie-Rock. Und nicht zuletzt: Aliens. Immer wieder Aliens.

Joseph Gordon-Levitt als schwuler Stricher

Viele dieser Ansätze stecken auch in „Mysterious Skin“. Es geht um Neil (Joseph Gordon-Levitt, „Inception“, „500 Days of Summer“) und Brian (Brady Corbet, „Funny Games“, „Melancholia“). Beide wurden als Achtjährige von ihrem Baseball-Coach missbraucht und müssen sich als junge Männer nun im Leben zurechtfinden. Während der schwule Neil sich als Kleinstadt-Stricher verdingt und den Missbrauch mit Emotionslosigkeit kompensiert, hadert Brian mit seiner Vergangenheit. Er glaubt, in Wahrheit von Außerirdischen entführt worden zu sein.

Kindesmissbrauch in schmerzhaften Bildern

„Mysterious Skin“ von 2004 ist mit Sicherheit der intensivste Film von Gregg Araki. Und das will etwas heißen bei einem Filmemacher, der Roadtrips mit HIV-Positiven inszeniert („The Living End“), außerirdische Echsen durch L.A. laufen lässt („Nowhere“) oder gleich die Welt untergehen lässt („Kaboom“). In dem Coming-of-Age-Drama steckt so unglaublich viel: Schwulsein in der Kleinstadt, Kindesmissbrauch, Aids, unerfüllte Liebe, Freundschaft, Entfremdung. All das bereitet Araki auf in einem Film, der wirklich an die Nieren geht: Der Kindesmissbrauch wird in schmerzhaften Bildern angedeutet, später wird Neil vergewaltigt. Da muss man schon mal tiefer durchatmen. Gregg Araki ist einer, der Grenzen überschreitet: Emotional, intellektuell, inszenatorisch.

Kein weichgespültes Schablonen-Kino

„Mysterious Skin“ ist das Gegenteil von weichgespültem Schablonen-Kino. Und gerade darum ist der Film ein Meisterwerk! Selten wurde schwules Erwachen so konsequent und so außerhalb jeder Norm dargestellt wie in diesem 105-minütigen Film, der einem wirklich einiges abverlangt und am Ende zu Tränen rührt. Die Schauspieler, allen voran Joseph Gordon-Levit, spielen sich die Seelen aus dem Leib. Zum Cast gehören auch Elisabeth Shue („The Boys“) und Michelle Trachtenberg („Buffy the Vampire Slayer“).

Film vom Macher von „Now Apocalypse“

Der Film ist nun erschienen als Limited Edition Mediabook, das sowohl die Blu Ray als auch die DVD enthält. Außerdem steht er bei verschiedenen Streamingdiensten zur Verfügung, unter anderem bei Amazon Prime. Wer sich erst einmal auf eine seichtere Art mit Gregg Araki befassen möchte, kann das mit der Starzplay-Serie „Now Apocalypse“ tun. Sie basiert auf Arakis Film „Nowhere“, der Regisseur schrieb die Drehbücher und führte bei allen Folgen Regie. Sehr sexy, durchgeknallt und unterhaltsam! Oliver Pries

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